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Die Lebensqualität für suchtkranke Menschen im Alter verbessern

REGENSBURG. Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit sind auch im höheren Alter keine Seltenheit. Bis zu 400.000 ältere Menschen in Deutschland sind von Alkoholproblemen betroffen. Allerdings wird Sucht im Alter kaum wahrgenommen. Viele Menschen, die süchtig sind, nehmen aus Scham keine Hilfe an. Aber auch auf medizinisch-therapeutischer Seite gibt es Nachholbedarf: Ältere Menschen galten aus fachlicher Sicht lange Zeit als nicht therapiefähig. Die Ergebnisse aus der Praxis beweisen aber das Gegenteil. Zahlreiche Fachleute aus Seniorenheimen und Pflegestationen folgten auf dem Fachtag „(Un)abhängig im Alter“, veranstaltet von der Sozialverwaltung des Bezirk Oberpfalz, aufmerksam dem Stand der Forschung zum Thema Sucht. Dr. Heribert Fleischmann, Vorsitzender der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen und ehemaliger medizinischer Direktor des Bezirksklinikums Wöllershof, stellte die Erkenntnisse der sozialmedizinischen Forschung vor:
Ein Drittel der abhängigkeitserkrankten Menschen über sechzig Jahre wird erst im Alter suchtkrank („late onset“). Oftmals führen dabei einschneidende Lebenserfahrungen wie Ruhestand oder Tod des Partners zur Sucht. Diese Menschen, überwiegend Frauen,  sind meist offen für therapeutische Hilfe und haben gute Chancen ihre Sucht in den Griff zu bekommen. Ganz im Gegensatz zu denen, die süchtig sind und älter werden („early onset“). Zahlenmäßig sind das rund zwei Drittel der alkoholkranken älteren Menschen über 60 Jahre. Diese Menschen sind oftmals langzeitarbeitslos, selten rehafähig und haben meist einen chronischen Behandlungsbedarf auf Suchtstationen der Kliniken.

Dr. Benedikt Schreiner, Leiter der Bezirkssozialverwaltung, betonte, dass die psychotherapeutische Behandlung den Bedürfnissen älteren Menschen angepasst werden sollte. „Aber erst einmal muss es gelingen, den Kontakt zu den Betroffenen herzustellen.“, ergänzt er. Bisher werden diese Menschen vom Hilfesystem schlecht erreicht. So sind im Jahr 2015 19,6 Prozent der Oberpfälzer Bürger 65 und älter, aber nur etwa zwei bis drei Prozent der Klienten der Suchtberatungsstellen gehören dieser Altersgruppe an.

Der Bezirk Oberpfalz finanziert daher das Angebot „Lebensqualität im Alter“ an der Suchtberatungsstelle der Caritas Regensburg. „Wir haben schon in der Projektphase seit 2013 mehr ältere Menschen erreicht“, sagt Monika Gerhardinger, Diplom-Sozialpädagogin der Caritas-Fachambulanz für Suchtprobleme in Regensburg.

Sie sieht die Beratungsarbeit, die Gesprächsgruppe und Schulungsangebote der Fachstelle als Gewinn für alle Beteiligten: „Der Medikamentenkonsum nimmt ab, die Lebensqualität des Bewohners und die Zufriedenheit des Pflegepersonals steigen.“ Gerd Schmücker, Ehrenamtlicher aus dem Helferkreis, sieht es als wichtigste Aufgabe, die Betroffenen zu motivieren, ihre Sucht in den Griff zu bekommen.

Wie schwierig das für Menschen ist, die schon suchtkrank sind, wenn sie älter werden, machte Dr. Willi Unglaub, Fachmediziner am Bezirksklinikum Regensburg deutlich. „Sucht ist eine sehr schwere Erkrankung, zu deren Behandlung es wenige Medikamente gibt, die außerdem meist nur geringe Wirkung haben.“ Die Verabreichung von legalen Drogenersatzstoffen, also die Substitution, ist eine wirksame Maßnahme für drogenabhängige Menschen, um überhaupt ein hohes Alter zu erreichen. Der Mediziner betont, dass alte Menschen mit einer Suchterkrankung keine Spezialeinrichtungen wollen, sondern die gleichen Angebote wie alle anderen älteren Menschen auch.